In Dubio pro Reo - Kurzgeschichte
Reo wußte, daß er Italiener war. Mehr nicht. Er kannte weder seinen richtigen Namen noch seine Eltern. Sein Vater war stets ein Phantom gewesen und die kurze Zeit mit seiner Mutter über die Jahre zu einem verschwommenen Gefühl von Wärme und Mutlosigkeit zusammengeschrumpft.
"Du wirst mich so schnell verlassen, da brauchst du keinen Namen", hatte sie gesagt und ihm einen feuchten Kuß gegeben, ehe ein fremder Mann Reo abholte und zur Adoption freigab.
Seine Jugend hatte Reo verdrängt. Es war eine unschöne Odysee durch italienische Schaustellerfamilien gewesen, die ihn stets nach ein paar Monaten abgeschoben hatten mit dem Hinweis, er sei für dieses Gewerbe einfach nicht hart genug und man hätte sich von einem solch kantigen Burschen etwas mehr Biß erwartet.
Aber Reo war sanft. Genau wie Stefans Stimme, die ihn vor acht Jahren von einer Kirmes nahe Verona in die Bodenständigkeit des Ruhrgebiets gelockt hatte. Seitdem besaß Reo einen deutschen Paß und war stolz darauf.
Er betrat das Wohnzimmer, nachdem er in der Küche einen Schluck Wasser getrunken hatte. Er blieb kurz im Türrahmen stehen, wo er Mareikes letzte Worte aufschnappte: "Ja, er gehört zur Familie. Aber wir können nichts machen. Wir haben das ganze Leben noch vor uns. Daran müssen wir denken."
Auf eine Erwiderung wartend spähte Reo am Türrahmen vorbei hinüber zu Stefan, der seinen Blick jedoch nicht erwiderte, sondern weiterhin elend in sich zusammengesunken in einer Ecke des Sofas verharrte.
"Du bist nicht allein. Wir stehen das mit dir durch", versicherte Mareike ihrem Ehemann.
Reo blieb stumm. Er hatte den Anfang der Unterhaltung nicht mitbekommen, ging aber davon aus, daß sich das Gespräch der jungen Eheleute um Stefans Vater drehte, der seit Wochen in der örtlichen Klinik lag. Lungenkrebs. Endstadium. Keine Hoffnung.
Trotz seiner kaputten Jugend wußte Reo, wie es war, eine Familie zu haben. Stefan war seine Familie. Seit Jahren vertrauten sie einander blind und Reo wußte, daß die Krankheit seines Vaters nicht Stefans einzige Sorge war. Nach dem Studium hatte der junge Mann eine Beamtenlaufbahn eingeschlagen und schien nun zum ersten Mal unzufrieden mit dieser Wahl zu sein. Es gab ein neues Gesetz, dessen Inhalte Stefan irgendwie vor Probleme stellte. Reo wußte nicht genau, worum es ging, aber seit Wochen hörte er die Eheleute darüber reden als ginge es um Leben und Tod.
Noch immer gedankenversunken am Türrahmen lehnend, überlegte Reo, ob er sich zu Stefan setzen sollte. Er hatte seinem besten Freund in der Vergangenheit stets ein Ohr geliehen und war in Krisenzeiten für ihn da gewesen. Aber das hier lagen die Dinge anderes. Es drehte sich nicht um eine kaputt gegangene Beziehung oder die wegen einer durchzechten Nacht vermasselte Studienprüfung.
Karriere, Führungszeugnis, Vorschriften, Anlage 1, Registrierung... Das war eine andere Welt. Weder verstand Reo etwas davon, noch interessierte es ihn.
Dafür interessierte ihn Patrizia, die in diesem Moment mit einem roten Holzbauklotz nach ihm warf. Stefans kleine Tochter war anderthalb Jahre alt und ihr galt Reos ganz spezielle Zuneigung. Fast täglich tobte er mit dem Mädchen und paßte auf, wenn Stefan arbeiten mußte. Reo war nicht von Natur aus mißtrauisch, dennoch musterte er gewissenhaft alle Fremden, die sich der jungen Kleinfamilie näherten. Irgendwie fühlte sich Reo für ihrer aller Wohlergehen verantwortlich.
Mareike musterte ihren Ehemann. "Sag doch etwas", bat sie ihn.
Stefan schwieg.
"Du kannst die Verordnung nicht erfüllen", wiederholte Mareike zum dritten Mal an diesem Abend.
Reo hob den roten Bauklotz auf und trug ihn zurück zu Patrizia, die auf einer Decke vor dem Fernseher spielte. Das Kind gluckste etwas unverständliches und fiel ihm wild um den Hals. Reo ließ sie gewähren. Er hatte sich an den oft etwas groben und derben Umgang des Mädchens gewöhnt und war nachsichtig, wenn Patricia ihn bei versuchten Liebesbeweisen ins Ohr oder die Wange biß, anstatt liebevoll mit ihm umzugehen.
"Wenn Deine Vorstrafe bekannt wird, kostet Dich das den Job und unsere Familie die Existenz", fuhr Mareike fort. "Wie sollen wir die Raten für das Haus bezahlen, wenn du arbeitslos bist? - Wir haben eine Tochter. Denkst du auch an sie?"
Reo legte die Stirn in Sorgenfalten. Er wußte von Stefans Vorstrafe. Eine Jugendsünde. Fahren ohne Führerschein, als er 18 Jahre alt gewesen war. Im Grunde eine Lappalie, aber noch immer in seinem polizeilichen Führungszeugnis vermerkt.
Reo verstand nicht viel von bürokratischen Vorschriften und Beamtengesetzen, aber doch genug um zu wissen, daß Stefan entlassen werden würde, sollte seine Jugendsünde bekannt werden. Verschweigen einer Vorstrafe gehörte zu den wenigen Dingen, die einen Beamtenstatus obsolet werden lassen konnten.
Reo suchte erneut Stefans Blick, aber dieser gab ihm weiterhin kein Zeichen, daß er die moralische Unterstützung seines besten Freundes wünschte.
Patrizia stürzte sich währenddessen auf den gutmütigen Kerl und wollte, daß er sie Huckepack durch die Wohnung trug. Reo stöhnte. Irgendwann würde die Kleine zu schwer werden für solche Späße und es brach ihm schon jetzt das Herz, wenn er daran dachte, ihr eines Tages einen Wunsch abschlagen zu müssen.
"Meinst Du nicht, mein Amtsleiter würde es verstehen?" hoffte Stefan. "Wenn ich ihm erkläre..."
Mareike unterbrach ihn. "Daß Du bei den Angaben zu den Eintragungen in Deinem Führungszeugnis gelogen hast?! - Nein! Das wird er nicht verstehen! Deine Behörde muß ohnehin Stellen abbauen. Da kämen denen ein solcher Fall gerade recht."
"Ich weiß nicht, ob ich seinen Tod verkraften kann", entgegnete Stefan.
Reo schüttelte verständnislos den Kopf. Seit Tagen schon diskutierte Mareike mit Stefan das neue Gesetz, das im Bundesland NRW in Kraft getreten war. Welch ein Humbug, dachte Reo nach dessen Auffassung es wesentlich wichtiger war, Stefan bezüglich des drohenden Verlustes seines Vater beizustehen. Warum konnte Mareike das nicht so deutlich sehen, wie er es tat?
Ein letztes Mal brachte er Patrizia einen ihrer durch die Gegend geschleuderten Bausteine zurück, ehe sich Reo neben Stefan aufs Sofa setzte. Sein Freund brauchte jetzt Unterstützung, das spürte er deutlich.
Stefan schlug die Hände vor das Gesicht. "Okay, morgen", murmelte er.
"Willst Du wirklich selbst...", setzte Mareike an, die trotz aller Forderungen sehr wohl verstand, welches Opfer Stefan gewillt war, zu bringen.
"Wenigstens soviel Größe sollte ich noch besitzen", sagte Stefan mit erstickender Stimme.
* * *
Am nächsten Tag kam Stefan früh aus dem Büro nach Hause. Mareike hatte es Reo erzählt, der mal wieder im Kinderzimmer mit Patrizia spielte.
Nach einem kurzen Gespräch zwischen den Eheleuten, brachen Stefan und Reo zu einer gemeinsamen 'Männerrunde' durch die Gemeinde auf. Reo freute sich. Wenngleich er Stefans hinzugewonnenen 'Anhang' inzwischen mochte, so schätzte er auch weiterhin ihre exklusive Zeit, die sie miteinander verbrachten. Es war halt immer noch Stefan, den Reo am längsten von allen kannte und bei dem er sich am meisten aufgehoben und verstanden fühlte.
Stefan zog eine Fahrkarte für sie beide.
Reo wartete bei den orange leuchtenden Sitzplätzen. Unauffällig beäugte er sein Umfeld. Eine ältere Dame hatte anfangs direkt neben ihm gesessen, doch als Stefan die paar Schritte zum Automaten gegangen und Reo kurz allein zurück geblieben war, hatte sie sich weiter weg am Ende der Sitzreihe niedergelassen.
Dergleichen passierte Reo nicht zum ersten Mal. Es war ihm in letzter Zeit öfter passiert, daß die Menschen zu ihm auf Distanz gingen oder ihn mit mißtrauisch-feindlichen Blicken bedachten. Aber Reo wußte nicht, warum er dieses Verhalten bei den Leuten auslöste. Oft blieb er inzwischen deswegen vor einer Schaufensterscheibe stehen und drehte sich davor, so daß Stefan ihn, entsprechend Reos Herkunftsland, schon lachend als "eitlen Italo-Gigolo" beschimpft und gemeint hatte "na, kommst Du jetzt langsam in das Alter, wo Dir nicht mehr jede hübsche Dame hinterher guckt".
Aber das war nicht Reos Sorge. Er versuchte etwas an sich zu entdecken. Etwas anderes als die paar mehr grauen Haare und das Extra-Kilo um die Rippen. Irgend etwas, das erklärte, warum die Leute ihn anders betrachteten, als sie es noch vor 3-4 Jahren getan hatten. Doch egal, wie sehr er sich um die eigene Achse drehte und bemühte. Reo konnte nichts entdecken.
Als Stefan vom Fahrkartenautomat zurückkam, fuhr die Straßenbahn der Linie 37 in den Bahnhof ein. Vor ein paar Wochen war Landtagswahl gewesen und eine davon übrig gebliebene Wahlwerbung zierte in fetten Lettern die Seite des öffentlichen Verkehrsmittels.
'Schützt die Familien, denn es gibt nichts wertvolleres' und 'Wir wollen, daß Kinder sicher leben und spielen können!', verkündete die Anzeige.
Reo nickte zustimmend. Auch er würde alles tun, damit Patricia in Sicherheit aufwachsen konnte. Notfalls würde er sein Leben für das Kind geben. Reo blickte hinüber zu Stefan. Sein Freund war nicht gut auf Politiker zu sprechen. Stefan behauptete, alle Politiker seien Lügner und würden in der Gesellschaft mehr kaputt machen als richten.
Reo teilte diese Meinung nicht. Zwar hatte er sich nie in der Tiefe mit Wahlversprechen oder Parteiprogrammen beschäftigt, aber der Schutz der Familie erschien ihm doch etwas sehr ehrenwertes und wichtiges zu sein. Es war der Grundpfeiler der Gesellschaft. So wichtig und althergebracht wie der Generationenvertrag oder das rechtstaatliche Prinzip 'Im Zweifel für den Angeklagten'.
In der Straßenbahn überließen die anderen Mitreisenden Stefan und Reo ohne zu Zögern einen Viererplatz ganz für die beiden allein. Auch dieses Verhalten war Reo nicht mehr neu. Es geschah bloß immer häufiger in den letzten Monaten, wenn Reo mit Stefan unterwegs war. Ob es vielleicht gar nicht an ihm lag, sondern an seinem Freund?
Um Objektivität bemüht begutachtete Reo den Mann zu seiner Linken.
Nein, entschied er. Stefan hatte sich ebensowenig verändert wie er selbst es getan hatte. Er war immer noch der höfliche, zuvorkommende junge Mann, der Reo vor acht Jahren das Tor zu einem neuen, besserem Leben aufgestoßen hatte.
Am Karl-Marx-Platz stiegen sie aus. Reo kannte die Gegend gut. Er kam des öfteren mit Stefan hierher. Es gab einen kleinen Wald mit Fischweiher, ein Programmkino sowie eine Menge Biergärten, welche die beiden Freunde jedoch weniger frequentierten, seitdem Stefan verheiratet war. Außerdem war Reos Arzt gleich um die Ecke in der Justizgasse, wenngleich Reo vom robuster Natur war und daher selten öfter als einmal im Jahr bei diesem im Wartezimmer saß.
Reo steuerte bereits forschen Schrittes in Richtung des Biergartens 'Fischer's Fritze', als er merkte, daß Stefan offensichtlich eine ganz andere Richtung im Sinn hatte. Irritiert über seine eigene Fehleinschätzung schaute Reo zu seinem Freund hinüber.
Stefan hatte Tränen in den Augen, während er vom Karl-Marx-Platz in die Justizgasse einbog.
Reo spürte deutlich die Aufgewühltheit und den inneren Kummer seines besten Freundes, konnte ihn sich jedoch nicht erklären. In der Regel verstanden sie einander ohne Worte, doch dies war einer der Momente in dem Reo wünschte, er könnte mit Stefan reden. Richtig. Von Mensch zu Mensch.
Offensichtlich hatte Stefan einen Termin gemacht, denn in der Praxis von Reos Arzt mußten sie das Wartezimmer mit den übrigen Patienten gar nicht erst betreten, sondern wurden gleich in eine kleine Kammer neben dem eigentlichen Behandlungsraum geführt, in der weder Stefan noch Reo jemals nie zuvor gewesen war. Angewidert schüttelte Reo den Kopf. Der Geruch dort gefiel ihm nicht. Es drängte ihn zurück nach draußen. An Licht und Luft. Am liebsten wollte Reo sofort wieder gehen. Er versuchte, noch auf der Schwelle kehrt zu machen, doch Stefan hielt ihn zurück.
"Es ist alles gut, Reo", beschwichtigte er.
Reo war hin und her gerissen. Sowohl die feinen Geruchssensoren als auch sein Instinkt sagten ihm, daß regelmäßig Schreckliches in diesem Raum geschah. Daß Schreckliches mit ihm geschehen würde. Andererseits...
Stefan hatte ihm nie ein Leid zugefügt und besaß in vielen Situationen den besseren Überblick und Weitsicht. Hatte Reo das Recht, dem Mann zu mißtrauen, der ihn vor einer ungewissen Zukunft in illegalen, italienischen Kampfarenen bewahrt hatte?
Reo blieb unschlüssig. Seine Nackenhaare sträubten sich, doch er leistete keinen aktiven Widerstand.
"Es ist schwierig heutzutage", meinte der Doktor, während er eine Spritze aufzog und leicht gegen das Glas klopfte, um Luftblasen aus dem Instrument zu vertreiben. "Das gesellschaftliche Klima. Negative Schlagzeilen. Die Angst der Leute... und bei Ihrem Job. Da ist eine Offenlegung des polizeilichen Führungszeugnis wie die Kampfhundeverordnung es für Hunde der Anlage 1, wie Reo einer ist, verlangt, natürlich existenzvernichtend. Sie haben eine kleine Tochter, oder?"
Stefan nickte schniefend. "Das hier tue ich auch nur für sie. Ich will ihre Zukunft nicht gefährden und Du doch auch nicht, oder Reo?" fragte er den braunen American Staffordshire, der sich widerstandslos auf den kleinen Behandlungstisch hatte setzen lassen.
Der Hund blickte in das inzwischen tränenüberströmte Gesicht seines Herrn. 'Nein', winselte er leise, 'ich will Dich und Deine Familie beschützen.'
Er sah auf die Spritze in der Hand des Tierarztes und wünschte, er hätte sich mehr für Politik interessiert. Doch wie hätte er ahnen sollen, daß sie ihn betreffen würde?
Er hatte nie ein Verbrechen begangen. Oder galt in Deutschland nicht länger:
In dubio pro Reo?
www.bullterrier-in-not.de
www.kampfhunde.org
[ In dubio pro reo (lateinischer Rechtsgrundsatz)
= im Zweifel für den Angeklagten ]
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